Wer auf Amazon nicht auf der ersten Seite steht, existiert für die meisten Kunden faktisch nicht. Marktplatz-Optimierung (MEO) ist deshalb weit mehr als das bloße Ausfüllen von Produktmasken; es ist der entscheidende Hebel, um in einem Katalog aus Millionen von Artikeln überhaupt sichtbar zu werden. Anders als bei Google, wo oft Informationssuche im Vordergrund steht, hat der Amazon-Algorithmus ein einziges, klares Ziel: Er will Produkte anzeigen, die sich mit der höchsten Wahrscheinlichkeit sofort verkaufen.
Das Wichtigste in Kürze
- Relevanz und Performance: Amazon rankt Produkte nach textlicher Übereinstimmung (Keywords) und historischer Verkaufsleistung (Sales Velocity).
- Zweiteilung der Optimierung: Erfolgreiches MEO unterscheidet strikt zwischen Sichtbarkeit (Ranking) und Kaufabschluss (Conversion Rate).
- Laufender Prozess: Ein Listing ist niemals fertig, sondern muss basierend auf Daten und Konkurrenzverhalten stetig nachjustiert werden.
Wie der Amazon-Algorithmus Kaufabsichten filtert
Der Kern der Amazon-Suche unterscheidet sich fundamental von klassischen Suchmaschinen, da die Nutzerintention fast ausschließlich transaktional ist. Der Algorithmus (oft als A9 referenziert) prüft in Millisekunden zwei Hauptfaktoren: Ist das Produkt relevant für den Suchbegriff und wie wahrscheinlich ist ein Kauf? Während Keywords die Grundvoraussetzung schaffen, um überhaupt in den Index aufgenommen zu werden, entscheidet die historische Performance darüber, auf welcher Position das Produkt erscheint. Ohne Verkäufe nützt also die beste Keyword-Dichte nichts, weshalb Neustarts oft Starthilfe durch Werbung benötigen.
Dabei bewertet das System nicht nur den reinen Umsatz, sondern vor allem die Klickrate (Click-Through-Rate, CTR) und die Umwandlungsrate (Conversion Rate, CR). Wenn viele Kunden Ihr Produkt in der Suche sehen, aber nicht klicken, oder klicken, aber nicht kaufen, signalisiert dies dem Algorithmus mangelnde Relevanz. Das Listing rutscht in den Suchergebnissen ab, um Platz für lukrativere Angebote zu machen. MEO muss also immer beide Seiten der Medaille bedienen: Den Algorithmus mit Daten füttern und den Menschen zum Klicken und Kaufen verführen.
Die vier Säulen einer erfolgreichen Amazon-Strategie
Um ein Listing ganzheitlich zu optimieren, reicht es nicht, sich auf einen einzelnen Aspekt zu konzentrieren. Eine fundierte MEO-Strategie greift in verschiedene Bereiche ein, die sich gegenseitig verstärken und bedingen. Bevor Sie in die Detailarbeit gehen, sollten Sie diese vier Kernbereiche als Checkliste für jedes Ihrer Produkte verstehen:
- Sichtbarkeit (Keywords): Die Identifikation und Platzierung relevanter Suchbegriffe im Titel, den Bulletpoints und im Backend.
- Klickreiz (Medien & Preis): Hauptbilder, Titelgestaltung und Preisstrategie, die den Kunden in der Suchergebnisliste (SERP) überzeugen.
- Kaufüberzeugung (Content): Aussagekräftige Produktbeschreibungen, A+ Content und emotionale Ansprache, die Zweifel beseitigen.
- Reputation (Social Proof): Anzahl und Qualität der Rezensionen sowie die Beantwortung von Kundenfragen.
Gezielte Keyword-Recherche für maximales Suchvolumen
Am Anfang jeder Optimierung steht die Datenbasis, denn das Bauchgefühl ist bei der Wahl der Suchbegriffe oft ein schlechter Ratgeber. Professionelle Tools helfen dabei, das tatsächliche Suchvolumen zu ermitteln und Synonyme zu finden, die Sie selbst vielleicht nicht nutzen, Ihre Kunden aber schon. Ein klassischer Fehler ist die Konzentration auf generische Begriffe wie „Hose“, bei denen der Wettbewerb extrem hoch ist. Oft bieten spezifische „Long-Tail-Keywords“ (z. B. „Laufhose Herren Winter thermisch“) zwar weniger Suchvolumen, aber eine deutlich höhere Kaufwahrscheinlichkeit, da der Kunde genau weiß, was er will.
Die gesammelten Begriffe müssen strategisch gewichtet werden. Die wichtigsten Keywords gehören zwingend in den Produkttitel, da dieser für den Algorithmus die höchste Relevanz hat. Sekundäre Keywords finden Platz in den Aufzählungspunkten (Bulletpoints) oder in der Produktbeschreibung. Wichtig ist hierbei die Balance: Ein mit Keywords vollgestopfter Titel (Keyword Stuffing) wirkt auf menschliche Käufer unseriös und kann die Klickrate senken, was wiederum dem Ranking schadet. Schreiben Sie also für den Algorithmus, aber formulieren Sie für den Menschen.
Backend-Suchbegriffe: Der unsichtbare Ranking-Hebel
Ein oft unterschätztes Feld sind die sogenannten „Allgemeinen Schlüsselwörter“ (Search Terms), die im Backend des Seller Central oder Vendor Central hinterlegt werden. Diese Begriffe sind für den Kunden auf der Produktseite nicht sichtbar, werden aber von Amazon vollständig indexiert. Hier ist der Platz für Synonyme, Falschschreibweisen oder umgangssprachliche Bezeichnungen, die im sichtbaren Text unprofessionell wirken würden. Nutzen Sie den verfügbaren Platz (meist 249 Bytes) voll aus, aber überschreiten Sie ihn keinesfalls, da Amazon sonst oft das gesamte Feld ignoriert.
Vermeiden Sie im Backend strikt Wiederholungen von Begriffen, die bereits im Titel oder den Bulletpoints vorkommen. Der Algorithmus erkennt ein Keyword einmal; eine mehrfache Nennung bringt keinen Bonus, sondern verschwendet wertvollen Speicherplatz. Auch Füllwörter wie „und“, „mit“ oder Kommas sind hier unnötig – reihen Sie die Begriffe einfach mit Leerzeichen aneinander. Markenbegriffe der Konkurrenz sind an dieser Stelle tabu und können zu Abmahnungen oder der Sperrung des Listings führen.
Optimierung der Conversion Rate durch Content und Bilder
Sobald der Kunde auf Ihr Produkt geklickt hat, tritt die SEO-Logik in den Hintergrund und die Verkaufspsychologie übernimmt. Die Bulletpoints müssen hierbei die wichtigste Funktion erfüllen: Sie scannenbar machen und den Nutzen (nicht nur die technischen Daten) vermitteln. Mobile Käufer sehen oft nur die ersten drei Punkte, weshalb die stärksten Verkaufsargumente (USP) ganz oben stehen müssen. Ergänzend bietet A+ Content (für Markeninhaber) die Möglichkeit, durch Bilder und Grafiken Vertrauen aufzubauen und Cross-Selling zu betreiben.
Das Hauptbild ist der wichtigste Faktor für die Klickrate, doch die weiteren Bilder entscheiden oft über den Kauf. Kunden können das Produkt nicht anfassen, daher müssen Bilder diese Lücke schließen. Nutzen Sie hochauflösende Detailaufnahmen, Lifestyle-Bilder (Produkt in Anwendung) und Grafiken, die Größenverhältnisse oder komplexe Funktionen erklären. Ein Produktvideo kann die Conversion Rate zusätzlich signifikant steigern, da es letzte Zweifel an der Haptik oder Funktionalität ausräumt.
Häufige Fehler bei der Marktplatz-Optimierung vermeiden
Viele Händler scheitern daran, dass sie Amazon wie einen Onlineshop behandeln und nicht wie einen kompetitiven Marktplatz. Ein typischer Fehler ist das „Set and Forget“: Ein Listing wird einmal erstellt und dann nie wieder angefasst. Da sich Suchverhalten und Konkurrenz aber dynamisch ändern, fallen statische Listings mit der Zeit zwangsläufig zurück. Auch das Vernachlässigen der mobilen Ansicht ist fatal, da ein Großteil der Käufe über die Amazon-App getätigt wird, wo Titel gekürzt und Beschreibungen anders dargestellt werden.
Ein weiteres Risiko liegt in der falschen Kategorisierung des Artikels. Um vermeintlich weniger Konkurrenz zu haben, ordnen manche Verkäufer ihre Produkte in unpassende Nischen ein. Dies verwirrt jedoch den Algorithmus und führt dazu, dass das Produkt bei relevanten Suchanfragen ausgefiltert wird. Prüfen Sie zudem regelmäßig Ihre Lagerbestände: Ein „Out of Stock“-Status ist Gift für das Ranking. Wenn Sie nicht liefern können, verlieren Sie Ihre historisch erarbeitete Sichtbarkeit, die Sie nach Warenneueingang erst mühsam wieder aufbauen müssen.
Fazit und Ausblick: MEO als Daueraufgabe verstehen
Marktplatz-Optimierung ist kein einmaliges Projekt, sondern ein zyklischer Prozess aus Analyse, Anpassung und Kontrolle. Wer die Mechanismen von Relevanz und Performance verstanden hat, kann gezielt an den Stellschrauben drehen, um sowohl den Algorithmus als auch den Kunden zufriedenstellen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Datengrundlage: Testen Sie verschiedene Titelbilder, variieren Sie Keywords und beobachten Sie Ihre Conversion-Daten genau, um schleichende Abwärtstrends frühzeitig zu erkennen.
Künftig wird die Bedeutung von externem Traffic und Markenaufbau (Branding) weiter zunehmen. Amazon belohnt Marken, die Kunden von außerhalb (z. B. Social Media oder Newsletter) auf die Plattform bringen, zunehmend mit besseren Rankings. Bleiben Sie agil, nutzen Sie die verfügbaren Analysetools und verstehen Sie Ihr Listing als lebendiges Asset, das ständige Pflege benötigt, um im härtesten Warenregal der Welt zu bestehen.
