Liquidität ist der Sauerstoff für jedes Unternehmen. Doch gerade im B2B-Geschäft müssen Dienstleister und Händler oft wochenlang auf ihr Geld warten, während die eigenen Kosten weiterlaufen. Ein voller Auftragsbestand nützt wenig, wenn das Konto leer ist, weil Kunden Zahlungsziele von 30, 60 oder 90 Tagen voll ausschöpfen. Hier setzt Factoring an: Statt auf den Zahlungseingang zu warten, verkaufen Sie Ihre offenen Forderungen an einen Finanzdienstleister. Das Geld fließt fast sofort. Doch dieses Modell ist nicht für jede Branche und jede Unternehmensgröße gleichermaßen sinnvoll.
Das Wichtigste in Kürze
- Beim Factoring verkaufen Sie offene Rechnungen an einen Dienstleister und erhalten sofort ca. 80 bis 90 Prozent der Summe ausgezahlt.
- Im „Echten Factoring“ übernimmt der Anbieter auch das Ausfallrisiko, falls Ihr Kunde zahlungsunfähig wird.
- Die Kosten setzen sich meist aus einer Factoringgebühr, Zinsen für die Vorfinanzierung und Prüfgebühren zusammen.
Wie der Verkauf von Forderungen funktioniert
Das Grundprinzip ist einfach: Sobald Sie eine Leistung erbracht haben, stellen Sie Ihre Rechnung wie gewohnt aus. Doch statt diese nur an den Kunden zu senden, übermitteln Sie den Beleg gleichzeitig an den Factoring-Dienstleister (den sogenannten Factor). Dieser prüft die Rechnung kurz und überweist Ihnen in der Regel innerhalb von 24 bis 48 Stunden den Großteil des Rechnungsbetrags. Meist werden sofort 80 bis 90 Prozent ausgezahlt. Der Restbetrag dient als Sicherheitseinbehalt für eventuelle Rechnungskürzungen oder Retouren.
Sobald Ihr Kunde die Rechnung beim Factor beglichen hat, erhalten Sie auch den restlichen Sperrbetrag ausgezahlt – abzüglich der vereinbarten Gebühren. Ein entscheidender Vorteil beim weit verbreiteten „Echten Factoring“ ist der Schutz vor Forderungsausfall. Zahlt Ihr Kunde aufgrund von Insolvenz nicht, müssen Sie das bereits erhaltene Geld nicht zurückzahlen. Der Factor hat die Forderung gekauft und trägt damit das volle Risiko (Delkredere). Damit wirkt Factoring wie eine Kombination aus Sofortkredit und Warenkreditversicherung.
Welche Factoring-Varianten für wen geeignet sind
Der Markt hat sich in den letzten Jahren stark ausdifferenziert. Es gibt nicht mehr nur das eine Standardmodell, sondern Lösungen für verschiedene Bedürfnisse – vom Handwerksbetrieb bis zum Konzern. Um die richtige Wahl zu treffen, hilft ein Blick auf die gängigen Spielarten:
- Echtes Factoring (Standard): Hier geht das Ausfallrisiko komplett auf den Factor über. Dies ist die sicherste und in Deutschland am häufigsten genutzte Variante.
- Stilles Factoring: Ihr Kunde erfährt nichts vom Verkauf der Forderung. Die Abtretung wird nicht offengelegt, und der Kunde überweist auf ein Konto, das zwar Ihnen zugeordnet scheint, aber an den Factor verpfändet ist. Ideal für sensible Kundenbeziehungen.
- Offenes Factoring: Der Kunde wird informiert und aufgefordert, direkt an den Factor zu zahlen. Das signalisiert Professionalität, kann aber bei konservativen Kunden Fragen aufwerfen.
- Full-Service-Factoring: Der Dienstleister übernimmt neben der Finanzierung auch das komplette Mahnwesen und die Debitorenbuchhaltung. Das entlastet Ihre Verwaltung massiv.
- Ausschnitts-Factoring: Sie verkaufen nicht alle Forderungen, sondern nur die Rechnungen bestimmter Kunden oder Kundengruppen (z. B. nur Großkunden).
Die Wahl der Variante hängt stark davon ab, wie viel Kontrolle Sie behalten möchten. Wer seine Buchhaltung schlank halten will, greift zum Full-Service. Wer hingegen Angst hat, dass ein externer Dienstleister zu ruppig mit langjährigen Stammkunden umgeht, wählt oft das Inhouse-Verfahren, bei dem das Mahnwesen im eigenen Unternehmen verbleibt.
Mit diesen Gebühren und Kosten müssen Sie rechnen
Factoring ist eine Dienstleistung, die ihren Preis hat. Die Kostenstruktur ist oft komplexer als bei einem klassischen Bankkredit und setzt sich in der Regel aus drei Bausteinen zusammen. Erstens fällt die Factoringgebühr an. Sie deckt den Verwaltungsaufwand und das Ausfallrisiko ab und berechnet sich prozentual vom Umsatz (oft zwischen 0,5 und 2,5 Prozent, je nach Bonität und Volumen). Zweitens berechnet der Factor Zinsen für den Zeitraum, in dem er das Geld vorstreckt, bis der Kunde tatsächlich zahlt. Diese Zinsen orientieren sich am Marktzins (z. B. EURIBOR) plus Aufschlag.
Hinzu kommen oft kleinere Nebenkosten, etwa für die Bonitätsprüfung neuer Debitoren oder eine jährliche Audit-Gebühr. Ob sich das rechnet, hängt von Ihrer Kalkulation ab. Viele Unternehmen nutzen die sofortige Liquidität, um bei den eigenen Lieferanten Skonto zu ziehen. Wenn Sie durch Barzahlung beim Einkauf 3 Prozent sparen, die Factoring-Kosten aber nur bei 1,5 Prozent liegen, finanziert sich das Instrument quasi von selbst. Zudem sparen Sie interne Kosten für Buchhaltung und Mahnwesen.
Ablauf: Von der Rechnungsstellung bis zur Auszahlung
Die Integration in den täglichen Betriebsablauf ist heute dank digitaler Schnittstellen meist unkompliziert. Nach Vertragsabschluss und einer initialen Prüfung Ihrer Kundenliste läuft der Prozess weitgehend automatisiert ab. Sie erbringen Ihre Leistung und erstellen die Rechnung in Ihrem ERP-System oder Buchhaltungsprogramm. Über eine Datenschnittstelle oder ein Webportal laden Sie die Rechnungsdaten und den Beleg beim Factor hoch.
Der Factor prüft die Daten formal und weist die Zahlung an. Parallel dazu verbucht er die Forderung in seinem System. Handelt es sich um offenes Full-Service-Factoring, kümmert sich der Anbieter ab jetzt auch um die Überwachung der Zahlungsziele. Sollte Ihr Kunde in Verzug geraten, leitet der Factor das Mahnverfahren ein – idealerweise nach vorher abgestimmten Fristen und Tonfällen, um die Kundenbeziehung nicht zu belasten. Sobald der Kunde zahlt, wird der Vorgang geschlossen und der Restbetrag an Sie ausgeschüttet.
Wann sich der Liquiditätsverkauf wirklich lohnt
Factoring ist kein Allheilmittel für ertragsschwache Firmen, sondern ein Werkzeug für wachsende Unternehmen. Es eignet sich besonders, wenn Ihr Umsatz schneller steigt als Ihre Bankkreditlinie, da der Finanzierungsrahmen beim Factoring „mitwächst“: Mehr Umsatz bedeutet mehr Forderungen, die verkauft werden können. Auch für Branchen mit sehr langen Zahlungszielen (z. B. Zuliefererindustrie) ist es ein effektiver Hebel, um die Bilanz zu verkürzen und die Eigenkapitalquote optisch zu verbessern.
Weniger sinnvoll ist das Modell bei sehr kleinteiligen Rechnungen an Privatkunden (B2C) oder bei komplexen Projekten mit Teilabnahmen (wie im Bauwesen nach VOB). Wenn Rechnungen oft strittig sind oder Mängelbehauptungen die Zahlung verzögern, lehnen Factoring-Anbieter den Ankauf meist ab. Der Factor kauft nur „einredefreie“ Forderungen – also solche, bei denen die Leistung zweifelsfrei und vollständig erbracht wurde.
Welche Voraussetzungen Unternehmen erfüllen müssen
Nicht jedes Unternehmen wird von einem Factor akzeptiert. Die Anbieter prüfen vor Vertragsbeginn genau, ob das Geschäftsmodell risikoarm und die Buchhaltung sauber ist. Eine zentrale Hürde ist oft die sogenannte „Globalzession“ bei der Hausbank. Viele Firmen haben ihre Forderungen bereits pauschal an ihre Bank als Sicherheit für Kontokorrentkredite abgetreten. Bevor Factoring starten kann, muss die Bank diese Forderungen freigeben. Das erfordert Verhandlungsgeschick und eine gute Kommunikation zwischen Bank, Factor und Unternehmer.
Zusätzlich müssen die angebotenen Forderungen bestimmten Kriterien entsprechen, damit der Prozess reibungslos läuft. Prüfen Sie vor einer Anfrage folgende Punkte:
- Rechtsform und Umsatz: Viele Anbieter fordern einen Mindestjahresumsatz (oft ab 100.000 Euro, es gibt aber auch Lösungen für Freelancer).
- Kundenstruktur: Factoring lohnt sich vor allem im B2B-Geschäft. Die Bonität Ihrer Kunden muss gut bis sehr gut sein.
- Leistungserbringung: Die Leistung muss vollständig abgeschlossen sein. Abschlagszahlungen sind oft problematisch.
- Frei von Rechten Dritter: Die Forderungen dürfen nicht bereits verpfändet sein (Thema Bank-Sicherheiten).
Fazit und Ausblick: Moderne Finanzierung statt Bittsteller bei der Bank
Factoring hat sein Image als „Rettungsanker für klamme Firmen“ längst abgelegt und sich als strategisches Finanzierungsinstrument etabliert. Es macht Unternehmen unabhängig von der oft starren Kreditvergabe der Hausbanken und sorgt für planbare Geldflüsse. Gerade in wirtschaftlich volatilen Zeiten ist der Schutz vor Zahlungsausfällen ein Argument, das die Kosten oft rechtfertigt. Wer die Gebühren transparent gegen Skonto-Erträge und Verwaltungseinsparungen rechnet, sieht schnell, ob sich das Modell lohnt.
In Zukunft wird die Nutzung noch einfacher werden. Fintechs integrieren Factoring-Optionen bereits direkt in Buchhaltungssoftware, sodass Rechnungen per Mausklick vorfinanziert werden können („Rechnung-für-Rechnung“-Basis). Für Unternehmer bedeutet das maximale Flexibilität: Sie verkaufen Forderungen nur dann, wenn Sie die Liquidität wirklich brauchen – ohne langfristige Vertragsbindung, aber mit sofortiger Wirkung auf dem Konto.
